Im Vorfeld einer Tagung zu diesem Thema gab es bereits einige Anfragen, ob es überhaupt so etwas wie ein ‚Gewissen der Welt’ gibt. Um der Frage etwas näher zu kommen, habe ich zunächst einmal die Suchmaschinen im Internet danach gefragt. Bei Google finden sich zum „Gewissen der Welt“ ca. 2.170 Eintragungen. Das relativ hohe Ergebnis beantwortet die Frage noch nicht, zeigt aber zumindest, dass das ‚Gewissen der Welt’ im weltweiten Netz im Gespräch ist.
Ganz oben steht eine aktuelle Meldung: Der britische Premierminister Tony Blair hat auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos die Not in Afrika als „Narbe im Gewissen der Welt“ bezeichnet. Das Elend auf dem Kontinent sei ein Skandal, sagte der Regierungschef. In Afrika haben 300 Millionen Menschen kein sauberes Trinkwasser, täglich sterben 3.000 Kinder im Alter unter fünf Jahren an Malaria, und 6.000 Menschen sterben jeden Tag an Aids. Blair will die Situation in Afrika zu einem zentralen Thema der britischen G-8-Präsidentschaft machen.
Der Spiegel gab seiner Ausgabe am 10. Januar den Titel:„Der zerbrechliche Planet. Wie die Welt im Angesicht der Flutkatastrophe zusammenrückte.“ Die Flutkatastrophe in Asien hat mit dramatischer Wucht gezeigt, wie verletzlich der Planet Erde ist. Schock und Mitleid sind weltumspannend, Regierungen überbieten sich in finanziellen Hilfszusagen für die betroffenen Länder, und die Spendenbereitschaft bricht alle Rekorde: Mitleid global. „Ein neues Verantwortungsgefühl lässt alte Gegensätze schrumpfen“, so der Spiegel. Eröffnet das Zusammenrücken der Welt angesichts dieser Katastrophe auch für die Lösung globaler Konflikte eine neue Chance?
Es gibt immer wieder Menschen, von denen wir sagen, dass sie das Gewissen der Welt verkörpern, dass sie dem Gewissen der Welt eine Stimme geben; es gibt diverse Aufrufe an das Gewissen der Welt, aber immer wieder auch Klagen, dass das Gewissen der Welt stumm bleibe. Die Verleihung des Friedensnobelpreises an Wangari Maathai, die auch Mitglied der internationalen Earth Charter Commission ist, hat die ganze Welt deutlich auf den Zusammenhang von Umwelt, gerechter Entwicklung und Frieden hingewiesen. Sind das vielleicht die wichtigsten Koordinaten für das Gewissen der Welt?
Für das ethische Fundament der entstehenden Weltgemeinschaft brauchen wir dringend eine gemeinsame Vision von Grundwerten. „Wir brauchen“, meint Leonardo Boff, „ein neues zivilisatorisches Paradigma, das die Verbindung der Menschen zum Leben und zur Erde neu definiert, das neue Produktionsmuster findet, die mit der Natur harmonieren statt sich gegen sie zu wenden.“
Hermann Garritzmann
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