„Zukunftsgerecht“ stand breit und fett auf einem Plakat zur Wahl des EU-Parlaments. Sonst nichts. „Zukunftsgerecht“ – was meint das? Ein Blick in den Duden zeigt mir, dass er das Wort (noch) gar nicht kennt. Der Duden kennt wohl: Zukunftsaussichten, Zukunftsangst und Zukunftsmusik oder auch: zukunftsgläubig, zukunftsreich, zukunftsvoll und sogar zukunftsweisend. Aber eben nicht - zukunftsgerecht. Ist das also nur ein Fantasiewort? Soll ich etwas wählen, was es gar nicht gibt?
Gott sei Dank gibt es außer dem Duden heute auch noch Google. Volltreffer! Etwa 2.370 Meldungen zu „zukunftsgerecht“. Da stellt sich z.B. die örtliche Sparkasse zukunftsgerecht auf. Intensiv wird dafür geworben, zukunftsgerecht zu bauen, zu modernisieren, ja sogar zu essen. Es sei ein unverzichtbarer Auftrag für uns alle, den Alpenraum lebenswert zu erhalten und zukunftsgerecht zu gestalten, lese ich an anderer Stelle eine dringende Mahnung.
Ein Kommentator meint, Europa würde nur zukunftsgerecht, wenn auch in die Zukunft investiert und nicht nur die Vergangenheit subventioniert wird. Nicht zukunftsgerecht sei der einseitige Griff in die Tasche der Gering- und Durchschnittsverdiener, moniert ein anderer. Einige Musikverbände wollen sich durch neue Organisations- und Führungsmodelle zukunftsgerecht aufstellen. Eine Firma wirbt damit, dass sie schon seit 40 Jahren Archivierungsprobleme kompetent und zukunftsgerecht löst. Der Dorfmittelpunkt von Greußenheim soll endlich zukunftsgerecht gestaltet werden, damit er weiterhin ein unverwechselbares Merkmal des Ortes ist und bleibt.
Mit solchen und ähnlichen Meldungen geht es beim Scrollen endlos weiter. In all dem Wortgestöber finde ich kaum einen Fetzen, der Sinn macht. Ich kann mir nur ein Wort von Mark Twain leihen, der wohl in einer ähnlichen Situation einmal formuliert hat: „Ich bin zwar immer noch verwirrt, aber auf einem höheren Niveau.“
Hermann Garritzmann
« zurück zur Übersicht ECHT