Im Laufe eines Jahres bin ich häufig zu den verschiedensten Terminen mit der Bahn unterwegs. Wenn ich während der Fahrt hin und wieder meine Arbeit unterbreche oder von meiner eigenen Lektüre aufsehe, packt mich doch immer wieder die Neugier, herauszufinden, was denn eigentlich die anderen Mitreisenden um mich herum so in Büchern, Zeitschriften, Zeitungen oder Broschüren lesen.
So saß ich kürzlich in einem Bahnabteil einem jungen Mann gegenüber, der längere Zeit in einer Zeitschrift las und blätterte. Von seiner Lektüre hatte ich die ganze Zeit über eigentlich nur die Rückseite vor Augen. Dort stand in großen Lettern „Die Welt ist eine Kurve“. Erst als der junge Mann sich einige Stationen später zum Aussteigen fertig machte und seine Illustrierte zuklappte, konnte ich erkennen, dass er die ganze Zeit in eine Motorradzeitschrift vertieft gewesen war. Für einen Motorradfan ist es wahrscheinlich der Traum schlechthin, sich die ganze Welt als eine Ansammlung von Kurven vorzustellen. Welche Vorstellungen und Träume hatten denn wohl die anderen Lesenden um mich herum? Offensichtlich nahm jede(r) von ihnen die Welt aus der eigenen, sehr begrenzten Perspektive wahr.
Als ich Stunden später an meinem Zielbahnhof ankam, fesselte dort ein Plakat an der Fensterscheibe der Bahnhofsbuchhandlung meine Aufmerksamkeit. Der Blickfang auf dem Plakat war ein großes Auge, aber an der Stelle der Pupille war eine Weltkarte zu sehen. „The whole world in your eyes“ – so lautete der Text auf diesem Plakat. Auch das war also eine Werbebotschaft, aber dieses Mal für ein Nachrichtenmagazin.
Ein Satz aus der Erd-Charta ging mir durch den Kopf: „Wir sind zugleich Bürgerinnen und Bürger verschiedener Nationen und der Einen Welt, in der Lokales und Globales miteinander verknüpft ist.“ - Neugierig zu sein auf die begrenzten Perspektiven und Welten der Anderen, kann ja vielleicht den eigenen Blick nach und nach weiten.
Hermann Garritzmann
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