Editorial
Die gegenwärtige Krise
ist keine vorübergehende Unterbrechung
des Wirtschaftswachstums,
sondern dessen Ergebnis.
André Gorz
„Letzte Party“
Unter diesem Titel stand kürzlich eine Kolumne der Frankfurter Rundschau, die mit folgenden Sätzen eingeleitet wurde:
„Wenn jeder zweite Chinese ein Auto hätte“, so begann in den 80er Jahren ein Standardsatz global orientierter Umweltpolitiker. Was folgte, war ein ökologisches Schreckensbild. ... Heute sorgt die Überlegung, wie viele Chinesen sich bei einer anhaltend rasanten Wirtschaftsentwicklung in den nächsten Jahren ein Auto, einen Kühlschrank oder eine Waschmaschine kaufen könnten, für Euphorie - bei Politikern und Industriellen, bei Banken und Anlegern. Im Fokus unserer Wahrnehmung hat sich der ökologische Albtraum in einen leuchtenden Stern am Himmel der Weltwirtschaft verwandelt.
Die gegenwärtige ökonomische Krise der meisten europäischen Länder, die André Gorz im nebenstehenden Zitat so prägnant analysiert, steht der aufstrebenden Wirtschaftsmacht China offenbar erst noch bevor. Oder auch nicht. Denn bis dieser riesige „Markt“ von einer derartigen Produktions-, Absatz- und Konsumflaute heimgesucht würde, hätte die ökologische Krise unseres Planeten vermutlich schon solche Ausmaße angenommen, dass Fragen von Wirtschaftswachstum und -konsolidierung sich so nicht mehr stellen.
In der Tat deutet manches darauf hin, dass der neoliberale Turbo-Kapitalismus nur 15 Jahre nach dem Zusammenbruch seines System-Kontrahenten Staatssozialismus ebenfalls „auf zum letzten Gefecht“ bläst - oder zur letzten Party lädt, wie die Frankfurter Rundschau titelt. Da wird es höchste Zeit, politische und wirtschaftliche Alternativen zu entwickeln und auf ihre Wirksamkeit und Realitätstauglichkeit zu überprüfen. Dem Aspekt nachhaltiger Lebensweisen kommt dabei eine (inzwischen sogar von der Politik erkannte) große Bedeutung zu. Gerade in diesem Feld hat sich unsere Ökumenische Initiative Eine Welt seit fast 30 Jahren eine große Kompetenz angeeignet. Unsere Jahrestagung 2004, die vom 7. bis 9. Mai unter dem Thema „Auf dem Weg zu nachhaltigen Lebens- und Wirt-schaftsweisen“ steht, dient dazu, diese Expertise weiter zu vertiefen. Mit dieser Ausgabe von initiativ und dem „Blickpunkt“ ab Seite 2 laden wir Sie herzlich dazu ein.
Michael Steiner
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