Editorial
"Desertec - Afrikas Sonne für Europa!?"
Der Gedanke wirkt auf den ersten Blick sehr attraktiv und überzeugend - gerade für ökologisch gesinnte Menschen, die sich ernsthaft um den Klimawandel sorgen:
Die Kraft der Sonne als Energiequelle dort „einzufangen“ und nutzbar zu machen, wo sie am stärksten ist. Von dieser in mehrfacher Hinsicht faszinierenden Idee lässt sich auch eine Handvoll deutscher Unternehmen (ver-)leiten, die sich im Sommer zur „Desertec“-Initiative zusammenschlossen, um in der Sahara und drumherum Solarstrom hauptsächlich für Europa zu produzieren.
Und genau ab hier wird die gute Idee zum Problem, wirft zumindest die eine oder andere Frage auf: Wollten wir uns in Deutschland nicht eigentlich von Energieimporten unabhängiger machen, als wir heute sind? Wenn schon unsere Gaslieferungen aus Russland so große Nachteile haben, wie immer wieder beklagt wird - von der Liefer(un)sicherheit über die Preisgestaltung bis hin zu Korruptions- und Mordgeschichten rund um beteiligte Firmen -, was veranlasst uns zu der Annahme, all das würde besser, wenn unsere Energie demnächst aus Libyen, Algerien und dem Sudan kommt? Könnte es sein, dass die „Verteidigung deutscher Interessen am Hindukusch“ nur eine Vorübung ist für die künftige Verteidigung „unserer“ Solarkraftwerke hinterm Atlas? Und last, not least: Was haben eigentlich die Menschen vor Ort davon, dass wir uns „ihre“ Sonne kaufen? Oder was bekommen sie dafür?
Zur Auseinandersetzung mit diesen und weiteren Fragen laden wir Sie mit dem „Blickpunkt“ dieser Ausgabe ein. Sie verdeutlichen, dass „Desertec“ kein rein ökologisch-ökonomisches Projekt ist, sondern ebenso stark auch die Themen Gerechtigkeit und Frieden berührt - und damit inhaltlich gewissermaßen mitten ins „Herz“ der Ökumenischen Initiative Eine Welt trifft.
Wir verknüpfen damit die Erinnerung an ein historisches Ereignis, das dieser Tage „Jubiläum feiert“ und in Deutschland immer noch weit weniger Beachtung findet als in Afrika: Am 15. November 1884 begann die „Berliner Konferenz“, bei der auf Einladung des Deutschen Reiches und Frankreichs zwölf europäische Staaten, die USA und das Osmanische Reich sich auf Regeln für ihre Landnahme in Afrika verständigten. Exakt 125 Jahre danach stellt sich die Frage, ob hinter „Desertec“ nicht ähnliche Denkmuster stehen wie damals, auf dem Höhepunkt des europäischen Imperialsmus. Nur dass heute nicht Afrikas Land aufgeteilt wird, sondern seine Sonne...
Es wäre nicht nur ein Gebot der Fairness, sondern mehr noch der wirtschaftlichen Gerechtigkeit und der politischen Vernunft, die betroffenen Staaten und Volksgruppen an den Planungen hierfür angemessen zu beteiligen (oder ihnen gar die Projektleitung zu überlassen?!) - anders als vor 125 Jahren in Berlin.
Michael Steiner
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