Die Erd-Charta

Eine Frage des politischen Willens

Die internationale Finanzkrise hat es gezeigt: Wenn unsere Regierungen vitale Interessen in Gefahr sehen, sind sie in der Lage, binnen kürzester Zeit immense Summen aufzubringen, um staatlich beförderte Abhilfe zu schaffen. Jetzt gilt es, die gleiche staatliche Entschlossenheit bei der Eindämmung der dringenden ökologischen und sozialen Krisen unserer Zeit einzufordern. Wie der Bericht zum Welt-Hunger-Index 2008 belegt, ist die Anzahl der an Hunger leidenden Menschen im letzten Jahr weltweit von 848 Millionen auf 923 Millionen Menschen gestiegen. 33 Länder sind akut vom Hunger bedroht. Dabei wäre unsere weltweite Landwirtschaft schon heute in der Lage, problemlos 12 Milliarden Menschen zu ernähren, wenn nur die richtigen Signale und Prioritäten gesetzt würden. Um die Vorschläge umzusetzen, die der umfassende Maßnahmenkatalog der UN zur Lebensmittelkrise vorschlägt, würden weltweit 15 bis 25 Mrd. Euro benötigt.

Pro Jahr sterben weltweit rund 10 Millionen Kinder unter fünf Jahren an den Folgen von Unterernährung, schlechter Versorgung mit sauberem Trinkwasser und Krankheiten, die man mit grundlegender medizinischer Versorgung hätte behandeln oder verhindern können. Einem Expertenbericht der Weltgesundheitsorganisation zufolge wären weltweite Mehrausgaben in Höhe von insgesamt etwa 40 Mrd. Euro nötig, um die Rate der Kindersterblichkeit bis zum Jahr 2015 um zwei Drittel zu reduzieren.

Gleichzeitig bekommen immer mehr Menschen die direkten Folgen des Klimawandels zu spüren. Dabei sind es vor allem die Länder des Südens, die am stärksten von den vermehrt auftretenden Stürmen, Dürren und Flutkatastrophen betroffen sind und der Macht der entfesselten Naturgewalten nichts entgegenzusetzen haben.

Angesichts der Summen, die die einzelnen Regierungen für die Eindämmung der Finanzkrise aufbringen, erscheinen die hier genannten Beträge nahezu lächerlich. Allerdings sind die Leidtragenden dieser in den Hintergrund geratenen Krisen keine mächtigen Banken oder andere einflussreiche Finanzinstitutionen, und sie haben auch keine starke politische Lobby. Es sind „irgendwelche“ Menschen in fernen Ländern, die wir nicht kennen, die wir nicht sehen. Und doch sind sie mit uns verbunden. Werden wir in der Lage sein, ihnen genauso zur Seite zu stehen, wie den vor dem Bankrott stehenden Managern und Börsenmaklern?

Michael Slaby,
Koordinator des Erd-Charta Programms für Religion und Nachhaltigkeit

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