Die Erd-Charta

Weltweite, aber abgestufte Verantwortung

Als Fazlun E. Khalid von der Islamischen Stiftung für Ökologie und Umweltwissenschaften eine Veranstaltung zur ökologischen Bewusstseinsbildung in einer pakistanischen Arbeitersiedlung in einem Londoner Vorort hielt, bekam er folgende Antwort eines Teilnehmers: „Bruder, die westlichen Staaten haben uns die ökologische Krise eingebrockt, jetzt müssen sie auch zusehen, wie sie zu lösen ist.“

Ist tatsächlich jeder Mensch für das Wohlergehen der gesamten Menschheitsfamilie verantwortlich, wie es in der Erd-Charta heißt? Wirklich jeder? Der arbeitslose Jugendliche, der keinen Ausbildungsplatz findet? Die Arbeiterin in einem chinesischen Sweatshop, die für einen Hungerlohn 14 Stunden am Tag die Kleidung näht, die wir am Leibe tragen? Der sudanesische Farmer, der zum dritten Mal hintereinander keine Ernte einfahren kann, weil Umweltkatastrophen und Bürgerkrieg mehrere Jahre nacheinander seine Felder zerstört haben?

Ein Dialog über weltweite Verantwortung, der die Machtfrage ausklammert und nicht zwischen Tätern und Opfern unterscheidet, läuft Gefahr, von den Kräften vereinnahmt zu werden, die vom sozialen Ungleichgewicht am stärksten profitieren und den gegenwärtigen Status Quo zu erhalten suchen. Dann droht die Rede vom „Wohl der Menschheit“ zum Mittel der Dominanz der Wenigen über die Vielen zu werden. Die zweifelhafte Bilanz ethischer Selbstverpflichtungen von Unternehmen, die nicht an verbindliche und extern überprüfbare Kriterien geknüpft sind, kann hier als warnendes Beispiel dienen.

Andererseits ist es ebenfalls zu pauschal und vereinfachend gedacht, wenn man argumentiert, dass allein die entwickelten und industrialisierten Länder des Nordens eine Verantwortung für das soziale und ökologische Wohl der Menschheit tragen, während die Länder des Südens auf Grund ihres nachholenden Entwicklungsinteresses von dieser Verantwortung ausgenommen sind. Die ökologischen Folgen des rasanten Wirtschaftswachstums von China und Indien machen deutlich, dass hier stärker differenziert werden muss.

Die Erd-Charta spricht in diesem Zusammenhang von weltweiter, aber abgestufter Verantwortung. Überall dort, wo Freiheit, Wissen und Macht zunehmen, wächst die Verantwortung für das Gemeinwohl. Dieses Prinzip gilt sowohl innerhalb als auch zwischen den Gesellschaften und Staaten. Den Regierungen der selbsternannten Riege der acht mächtigsten Staaten der Welt obliegt deshalb eine besondere Verantwortung, für ökologische Nachhaltigkeit und globale Gerechtigkeit einzutreten. Wir alle tun gut daran, sie an diese Verantwortung zu erinnern.

Michael Slaby,
Interreligiöser Koordinator der Erd-Charta-Initiative

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    Lucius Annaeus Seneca