Anfang der 1990er Jahre suchte das altehrwürdige Museum of American Natural Hitstory einen Vogelkundler für die Leitung der Dauerausstellung über die Vögel Amerikas. Es lud fünf promovierte Ornithologen zum Vorstellungsgespräch. Wie sich herausstellte, sahen sich die Kandidaten mit dem selben Problem konfrontiert: Vier der fünf Wissenschaftler berichteten, dass die von ihnen erforschte Vogelart während der Zeit, in der sie ihre Forschungen anstellten, ausgestorben sei.
Der von den Ornithologen berichtete Sachverhalt entspricht einer großen Menge von Daten und Berichten, die von anderen WissenschaftlerInnen an das Museum herangetragen wurden. Dies veranlasste die Museumsleitung dazu, die distanzierte Beobachterrolle abzulegen und ein Zentrum für Biodiversität und Artenschutz einzurichten, um die neuesten Erkenntnisse über die Bedrohungen der Artenvielfalt allgemein zugänglich zu machen und gemeinsam mit Politik und Zivilgesellschaft nach wissenschaftlich fundierten Antworten zu suchen.
Auch das Museum selbst bleibt nicht neutral: So endet die Dauerausstellung über die geografische Verbreitung verschiedener Tier- und Pflanzenarten mit einem drastischen Hinweis auf die aktuellen Trends. Das Museum nimmt dabei eine erdgeschicht-liche Perspektive ein. Es beschreibt fünf historische Phasen des planetarischen Massensterbens. Das letzte Massensterben hat vor rund 65 Millionen Jahren stattgefunden, und hat u.a. zum Aussterben der Dinosaurier geführt. Das heutige Artensterben hat eine ähnliche Dimension erreicht und wird daher als sechstes großes Massensterben in der Erdgeschichte bezeichnet.
Der Auslöser dieser tiefgreifenden makroskopischen Veränderung ist nicht etwa ein Meteoriten-Einschlag wie vor 65 Mio. Jahren. Es ist der Mensch, der mit seinem rapiden Bevölkerungswachstum mehr und mehr Naturfläche in Nutz- und Ackerland umwandelt und damit die natürlichen Lebensräume der Tiere und Pflanzen immer mehr beschneidet. Allein im 20. Jahrhundert hat sich der natürliche Rückgang der Arten um ein Tausendfaches beschleunigt.
Es ist daher an der Zeit, die Gerechtigkeit zwischen den Generationen auf eine planetarische Ebene zu heben. Die Art, in der wir unser Leben gestalten, hat nicht nur Auswirkungen auf das Wohl der zukünftigen Generationen und der weniger Privilegierten unserer eigenen Spezies, sondern auch auf das der Tiere und Pflanzen, die sich den Planeten mit uns teilen. Ihr Überleben liegt in unseren Händen. Wie das Museum of American Natural Hitstory richtig erkannt hat, nehmen unsere kollektiven und individuellen Alltagsentscheidungen dabei eine wichtige Rolle ein. Diese Entscheidungen sollten von einer nicht mehr allein auf den Menschen bezogenen, sondern einer planetarischen, inter-speziellen Gerechtigkeit geleitet sein.
Michael Slaby,
Interreligiöser Koordinator der Erd-Charta-Initiative
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