Editorial
Empfindsam bleiben ist
eine gleichsam utopische Haltung:
die Sinne
für ein Glück geschärft zu halten,
das nicht kommen wird,
jedoch uns im Bereitsein für es
vor den ärgsten Verrohungen schützt.
Theodor W. Adorno
Privat oder öffentlich?
„Das Private ist politisch“, hieß ein geflügeltes Wort der „68er“. Es forderte zugleich mit einer stärkeren Politisierung der Gesellschaft ein Aufbrechen und Ausbrechen aus einer allzu bürgerlich-traditionellen (und häufig sehr patriarchalen) Privatsphäre.
Ob „das Private“ heute politischer oder unpolitischer ist als vor 40 Jahren, sei dahingestellt. Manchmal drängt sich der Eindruck auf, es sei gerade umgekehrt: Ist möglicherweise das Politische - etwa durch jede Menge flüchtiger Arbeitsessen zwischen „befreundeten“ Regierungschefs - privater, auch irgendwie belangloser geworden? Täuscht der Eindruck von mehr „Klüngel“ und weniger Verbindlichkeit in der aktuellen Politik?
Fakt ist, dass sehr viel Privates mittlerweile wenn nicht politisch, so doch öffentlich ist. Wer kennt nicht die im vollbesetzten ICE ins Mobiltelefon gerufenen Neuigkeiten an den Freund, die nicht selten sehr persönliche bis intime Details enthalten? Oder den in der DB-Lounge pausenlos telefonierenden Geschäftsmann, der über sein - schon gar nicht mehr sichtbares - Headset (denn „Handy“ war für manche gestern!)seinen MitarbeiterInnen im Büro Anweisungen erteilt - bis hin zu Aufträgen, die dem zwangsläufig Mithörenden am Nachbartisch zwar nicht in diesem Sinne „privat“, aber doch mindestens „vertraulich“ vorkommen.
Umgekehrt - und das dürfte das noch größere Problem sein - wird derzeit vieles „privatisiert“, wovon wir bisher annahmen, es sei (meist vielleicht sogar aus guten Gründen) öffentlich. Hier verabschiedet sich schleichend und oft unbemerkt „das Politische“ - nicht ins „Private“, aber in die fälschlich immer noch so genannte „freie“ Wirtschaft. Dass das nicht geht, ohne die Demokratie in ihren Grundfesten zu gefährden, erläutert der „Blickpunkt“-Artikel dieser Ausgabe von initiativ. Die Redaktion wünscht Ihnen gute Anregungen und Anstöße (nicht nur) zu der Frage, was eigentlich privat und was öffentlich ist - oder sein sollte...
Michael Steiner
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