Die Erd-Charta

8-Stufen Harmonie in kultureller Diversität

„Wenn wir tanzen und singen, so tun wir das nicht, um lustig zu sein, sondern weil wir die Hoffnung nicht aufgeben und ein Licht am Ende des Tunnels sehen.“ Mit diesen Worten berichtete Solomon Jamiru von seinen Eindrücken des Bürgerkriegs, der sein Heimatland Sierra Leone bis zum Jahr 2001 heimgesucht hat. Solomon war sechs Tage gereist, um mit seinem Kollegen Sylvanus Murray die Erd-Charta in Taiwan vorzustellen. Mit Kim Citton aus Kanada bildeten wir ein vierköpfiges Team der Erd-Charta Jugendinitiative und waren mit etwa 15 taiwanesischen Jugendlichen rund drei Wochen unterwegs, um der kleinen christlich orientierten Erd-Charta Koordinierungsstelle in Taiwan zu helfen, die Erd-Charta und ihre Ethik der Nachhaltigkeit bekannt zu machen. Die Fotos in dieser Ausgabe von „ECHT“ entstanden während dieser intensiven und dicht gedrängten Reise, die uns in verschiedene Regionen der ökologisch, sozial und kulturell sehr vielseitigen Insel führte. Wir besichtigten zahlreiche ökologische Projekte und lernten mehrere Initiativen der taiwanesischen Urbevölkerung kennen, die darauf abzielen, ihre traditionellen Lebensweisen wieder aufleben zu lassen und sich durch Ökotourismus eine neue Einnahmequelle zu erschließen.

Die Reise brachte uns auch zum Volk der Bunun. Die Bunun sind für ihre vielstimmigen Choralgesänge mit einer besonderen 8-stufigen Harmonie bekannt. Als wir drei Tage lang mit ihnen lebten, gewährten sie uns auf sehr einfache Art einen Einblick, wie ihr Gesang funktioniert. Jeder von uns sollte seinen eigenen Ton singen. Für mich war es ungewohnt, zu singen, ohne auf irgendwelche Harmonien zu achten. Dann aber geschah das Aus-sergewöhnliche: Als jeder von uns seinen eigenen Ton sang, entstand eine wundervolle Harmonie. Diese Harmonie stellte sich ganz natürlich ein, ohne irgendwelche Anstrengungen. Für mich war es etwas ganz besonderes: Wir zwängten uns in kein Korsett, um zu harmonieren, jeder war authentisch, sang seinen eigenen Ton, und dennoch harmonierten wir. Ich glaube, dass diese besondere Harmonie nicht trotz, sondern gerade aufgrund dieser stimmlichen Authentizität zustande kam. Ich fühlte mich mit meinem eigenen Ton, meiner eigenen Stimme wunderbar angenommen von den anderen, gerade weil ich nicht versuchte, mich ihnen anzupassen.

Ich glaube, mit unserer kulturellen Diversität verhält es sich ähnlich: Gerade dann, wenn wir nicht zwanghaft versuchen zu harmonieren, gerade dann, wenn wir uns trauen, authentisch zu sein, entstehen die wirklich bereichernden Momente, lernen wir, Unterschiede auszuhalten und schaffen Raum für Unbekanntes, Neues, Nie-Dagewesenes. Aus diesen Lernprozessen sollte sich die Suche nach einem alternativen Lebensstil speisen.

Michael Slaby


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