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“Ich fürchte, manche bauen die Zukunft wie einen Unfall.“
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Jubiläums-Jahrestagung 2006

In einem hellen Licht erscheint im Rückblick die Jahrestagung 2006 zum 30jährigen Jubiläum der Ökumenischen Initiative Eine Welt (ÖIEW) unter dem Motto „um die Erde Lebenswind“.

Ein ganzes Wochenende lang durchflutete in diesen frühen Mai-Tagen die Sonne das „Forum III“ des KSI, des Katholisch-Sozialen Instituts in Bad Honnef, in dem sich fast 80 Teilnehmende versammelt hatten, unter ihnen viele aus den Anfangsjahren der ÖIEW.

Doch in die Freude über die äußeren Bedingungen, den unerwartet regen Zuspruch und die insgesamt äußerst anregend und ermutigend verlaufende Tagung mischte sich immer wieder der Wermutstropfen, dass unser drei Monate zuvor plötzlich verstorbener Geschäftsführer Hermann Garritzmann fehlte. Es war nicht zuletzt „seine“ Tagung, für die er vieles vorbereitet und auf die er sich sehr gefreut hatte. Daran erinnerten in ihrer Begrüßung am Freitag Abend sowohl der Direktor des KSI, Dr. Ralph Bergold, als auch Diotima Csipai für den Vorstand der ÖIEW. An einem Gedenktisch, der mit Blumen, Bildern und einer Kerze geschmückt war, trugen sich das ganze Wochenende über Teilnehmende mit zum Teil sehr persönlichen Worten in ein Kondolenzbuch ein.

Die inhaltliche Einführung oblag Manfred Linz, vor 30 Jahren als Rundfunk-Redakteur engagierter Mitbegründer der ÖIEW und heute als Pensionär Mitarbeiter des Wuppertal-Instituts. Ausgehend von den Eingangsfragen „Was haben wir gewollt? Was ist daraus geworden?“ stellte er fest, dass alles, was im Grundtext der Initiative von 1976 steht, auch aus heutiger Perspektive zutreffend sei und nichts von seiner Gültigkeit und Aktualität verloren habe: „Wir können, am besten ohne Stolz, zufrieden sein, dass wir früh das Richtige und Wichtige gesehen haben.“

Selbstkritisch fragte er jedoch unmittelbar anschließend, ob auch die Gesellschaftsdiagnose richtig gestellt war, nach der die ÖIEW damals zu agieren begann. Der „Schneeball-Effekt“, auf den sie in der Anfangszeit setzte und der in nicht allzu langer Zeit dazu führen sollte, dass große Teile der Gesellschaft in den Prozess des Umdenkens und Umsteuerns mit hinein genommen würden, ist offenkundig nicht eingetreten. Heute müsse es deshalb umso mehr darum gehen, nicht mehr in die ganze Gesellschaft hinein wirken zu wollen (was die ÖIEW als „Mittelschicht-Phänomen“ ohnehin nur begrenzt könne), sondern verstärkt auf Politik und Wirtschaft einzuwirken, so Manfred Linz: Versuche, andere zu überzeugen, seien immer noch wichtig, aber „gesellschaftliches Lernen geht auch über das Kräftemessen und, wenn es sein muss, über Pressionen.“

Diese These tauchte an mehreren Stellen der Tagung immer wieder auf und wurde – auch in Gesprächen am Rande – kontrovers diskutiert. Angelika Zahrnt etwa, die Vorsitzende des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), legte in ihrem Vortrag am Samstag Morgen dar, dass laut einer Studie des BUND die Wirtschaft freiwillige Selbstverpflichtungen erwiesenermaßen (zu) wenig einhält. Generell sei – aktuell etwa beim Ölpreis – zu beobachten, dass hohe Preise im Hinblick auf Verhaltensänderungen erheblich stärker wirken als jeder Appell. Deshalb müsse auch mit einem gewissen Zwang gearbeitet werden, mit Vorschriften und Gesetzen z.B. zum Verbot der Käfighaltung von Tieren.

Was kann und soll dann aber (noch) die Funktion und Aufgabe von zivilgesellschaftlichen (früher: Basis-)Initiativen wie der ÖIEW sein? Auf diese Frage fanden sich im Laufe der Tagung verschiedene Antworten und Ideen. Angelika Zahrnt selber wies darauf hin, dass Beispiele und Vorbilder für einen „alternativen Lebensstil“ nötiger sind denn je in einer Zeit, in der die soziale Entwicklung dahin gehe, dass bald sehr viele Menschen mit „weniger“ werden zurechtkommen müssen als in den letzten Jahren. Paulander Hausmann hatte genau in diesem Sinne am Vorabend (auf einem Podium mit VertreterInnen „früher Generationen“ der ÖIEW im Anschluss an den Vortrag von Manfred Linz) von der „Pfadfinder“-Funktion der Initiative gesprochen: Ihre Mitglieder leben freiwillig, was später viele gezwungenermaßen werden tun müssen.

In diesem Zusammenhang warnte Angelika Zahrnt jedoch davor, den Slogan „Gut leben statt viel haben“ allzu leichtfertig zu verwenden: In Zeiten zunehmender soziale Zwänge und Nöte könne dieser Spruch zynisch wirken. Und die Verteilungsfrage, das Anliegen sozialer Gerechtigkeit werde in der nahen Zukunft immer wichtiger werden.

Ähnliches hatte kurz zuvor auch Bischof Wolfgang Huber, der Ratsvorsitzende der EKD, in seinem Interview-Referat mit dem ÖIEW-Vorsitzenden Michael Steiner gesagt. Er brachte seinen Wunsch zum Ausdruck, den Begriff der „Nachhaltigkeit“, der im Alltagsgebrauch zu eng geführt werde, auszuweiten auf eine soziale und kulturelle Dimension. Unter der Leitfrage, wie es auch in zehn Jahren noch soziale Gerechtigkeit geben kann, müsse bewusst einer „Tendenz kultureller Abbrüche“ entgegen gewirkt werden. In der gegenwärtigen Krise des Sozialen sieht Wolfgang Huber, der 1976 zu den Initiatoren der ÖIEW gehörte, die Gefahr, dass die jeweils eigenen Bezüge zu wichtig genommen werden und „das Ganze“ aus dem Blick gerät. Dadurch würden – kirchlich gesprochen – „parochiale Strukturen“ wieder stärker, aus denen vor 30 Jahren doch gerade der Ausbruch gewagt werden sollte.

Huber bat und ermutigte die ÖIEW, gerade unter diesen Vorzeichen weiterhin „den globalen Horizont zur Geltung zu bringen“ und dazu beizutragen, den Blick zu weiten über den eigenen Tellerrand und Kirchturm hinaus. Er selbst verdanke der Initiative, wie er freimütig bekannte, dass er sich in den zurückliegenden Jahren beharrlich der Resignation verweigert habe, zu der es doch immer wieder genug Anlass gegeben hätte – nicht zuletzt in der Ökumene der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland.

Die Versuchung zur Resignation angesichts der seit 30 Jahren alles in allem nicht eben kleiner gewordenen Probleme spielte in allen Vorträgen und sehr vielen Beiträgen eine wichtige Rolle. Und doch überwog immer wieder die Hoffnung, die am Ende vielleicht das am häufigsten gehörte Wort dieser Tagung war. Daran hatte nicht zuletzt der abschließende Vortrag von Konrad Raiser, seines Zeichens ebenfalls Mit-Initiator der ÖIEW und in den 1990er Jahren Generalsekretär des Weltkirchenrates, einen entscheidenden Anteil: Am Sonntag Vormittag entfaltete er in einer sehr nachdenklichen und dichten Mischung aus Predigt und theologischer Vorlesung den engen Zusammenhang von „kleinen Schritten“ und großen Visionen in der Gestaltung des Alltags und einer christlichen Spiritualität. „Christlicher Glaube (…) ist geprägt von einem ,eschatologischen Realismus’, führte er zum Ende seines Vortrags aus. „Er verschließt nicht den Blick vor der wahren Realität des Lebens der Menschen und der Gefährdung der Schöpfung. Aber er vermag diese Realität in der Perspektive Gottes zu sehen, der die Rechte der Armen, der Witwen und Waisen verteidigt, und der verheißen hat, die ganze Schöpfung zu erlösen.“

Diese doppelte Perspektive prägte die Jubiläumstagung insgesamt und ihre Bilanz der zurückliegenden 30 Jahre. Zu ambivalent fällt die im Rückblick aus, als dass sie geradewegs in die Resignation führen könnte – genau so wenig wie in platten Optimismus. „Alles, was der ÖIEW wichtig ist, findet statt – es muss nur gesehen und genutzt werden“, meinte etwa Hildegard Lüning beim Podiumsgespräch am Freitag Abend. Auf vielen Gebieten habe es viele kleine Erfolge gegeben, sei manches geschafft worden. Mit dieser erfolgreichen Praxis z.B. von „Germanwatch“ müsse die ÖIEW ihre Arbeit besser verknüpfen.

Eine gute Gelegenheit zu solcher Verknüpfung bot der Samstag Nachmittag, für den unter dem Motto „Lust auf Zukunft!?“ ein „World-Café“ auf dem Programm stand: Nicht nur der Veranstaltungssaal, sondern dank des guten Wetters auch die angrenzende Dachterrasse verwandelte sich für zwei Stunden in eine Art Kaffeehaus, in dem an mehreren Tischen in lockerer Atmosphäre, aber thematisch zielgerichtet kleine Gruppen miteinander ins Gespräch kamen. Für jeden der Tische war ein/e externe/r Gesprächspartner/in aus einer befreundeten Organisation eingeladen, einen Impuls zu geben unter der Leitfrage: „Was macht eure Initiative so gut, dass die ÖIEW etwas davon aufgreifen sollte, um ein Stück Zukunft positiv mitzugestalten?“

Es entwickelte sich ein reger Austausch etwa über „menschenwürdiges Altern in den Ländern des Südens“, Kampagnen wie die für „Saubere Kleidung“ oder den Dialog mit den Wissenschaften. Was sich an konkreten Impulsen für die künftige Praxis der ÖIEW daraus destillieren lässt, bleibt in nächster Zeit zu entwickeln – vielleicht hier oder dort auch wieder zusammen mit dem Katholisch-Sozialen Institut und der „Initiative Zukunft“, mit denen zusammen und in deren Domizil die diesjährige Jahrestagung stattfand. Beiden gilt unser Dank für die unkomplizierte und produktive Zusammenarbeit – ebenso wie dem Evangelischen Entwicklungsdienst eed, der die Tagung durch einen Zuschuss mitfinanzierte.

Michael Steiner

  • Die Vorträge von Manfred Linz und Konrad Raiser als PDF (123 KB)

  • Das Tagungs-Programm als PDF-Datei (159 KB)

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